Wenn Johannes Hensen über Gebäude spricht, klingt es nie nur nach Architektur. Es klingt nach Herkunft, Verantwortung und einem tiefen Verständnis dafür, was Räume für Menschen bedeuten. Vielleicht liegt es daran, dass er selbst in einem Gebäude groß geworden ist, das mehr war als vier Wände: ein Bauernhof in Osterwald, mit Kühen, Schweinen, Stallgeruch und dem Gefühl, dass man Dinge mit den eigenen Händen verändern kann.
Heute lebt er mit seiner Familie in der vierten Generation auf dem Hof, den er selbst umgebaut hat. Der frühere Kuhstall wurde zu ihrem Zuhause und gleichzeitig zu seinem ersten Projekt. „Hier sind meine Wurzeln und hier wachsen unsere Kinder auf“, sagt er.
Vielleicht beginnt seine Geschichte genau dort: in einem Gebäude, das er nicht abreißen, sondern bewahren wollte. Ein Gedanke, der ihn seit Jahren begleitet. Alte Höfe, Scheunen, Wirtschaftsteile, Dorfgebäude – Hensen hat viele solcher Orte zu neuem Leben erweckt. Und immer geht es ihm um dasselbe: aus etwas Altem etwas Zukunftsfähiges zu machen.
Wir haben uns mit Johannes Hensen zusammengesetzt, um zu erfahren, was ihn antreibt, wie ihn Herkunft, Handwerk und Verantwortung geprägt haben – und wie er die Zukunft des Bauens in der Grafschaft sieht.
„Daagsche Verstaund“ und der Blick fürs Machbare
Herr Hensen, wie hat Sie Ihre Herkunft geprägt?
„Ich bin in Osterwald groß geworden, auf einem Bauernhof. Kühe melken, Schweine füttern, mit anpacken. Das war Alltag. Da lernst du früh, was Verantwortung heißt. Mein Vater war Geschäftsstellenleiter der Volksbank in Veldhausen, vorher gelernter Landwirt. Ein Mann, der beides konnte: kalkulieren und anpacken. Diese Mischung aus Pragmatismus und Planung prägt mich bis heute. Mein Opa sprach immer vom Daagsche Verstaund*.“
Warum haben Sie sich für das Handwerk entschieden?
„Ich wollte etwas mit den Händen machen. Als Tischler lernst du Materialien kennen, du verstehst Konstruktionen nicht nur theoretisch, sondern körperlich. Das hat mich geprägt. Ich plane heute anders, weil ich weiß, wie sich Material anfühlt, wie ein Dachstuhl aufgebaut ist, wie man etwas wirklich baut. Das beeinflusst meine Perspektive auf das Bauen besonders. Die zweijährige Fachschule zum ‚staatlich anerkannten Holztechniker‘, der Meistertitel im Tischlerhandwerk sowie ein Meistertitel im Zimmererhandwerk und ein ‚Schnupperstudium‘ an der FH Münster im Bereich Architektur mit zwei Semestern haben mir eine gute Grundlage mit genügend Fachwissen gegeben, um verantwortungsvoll beraten zu können.“
Ihr Weg in die Selbstständigkeit begann mit dem Umbau Ihres Elternhauses. Was genau ist damals passiert?
„Mit 28 habe ich den alten Kuhstall umgebaut. Die Menschen haben gesehen, was ich dort selbst gemacht habe, und plötzlich kamen Anfragen. Nach einem Jahr Elternzeit habe ich mich schließlich selbstständig gemacht. Da meine Frau verbeamtet ist, war das Risiko überschaubar. Ein kleiner Messestand in der Alten Weberei brachte die ersten Aufträge. Ein Jahr lang habe ich alles allein gemacht, bis eine ehemalige Kollegin als Minijobberin dazukam. Heute arbeitet sie seit über zwölf Jahren fest bei mir. So ist der Betrieb mit den Jahren mittlerweile auf über 20 Mitarbeiter gewachsen. Das Team besteht aus Architekten, Bauingenieuren, Bauleitern, Bauzeichnern, kaufmännischen Angestellten und Auszubildenden. Zusätzlich haben wir vor einem Jahr ein Handwerksunternehmen gegründet, welches aus Maurern und Zimmerern besteht.“
Verantwortung im Alltag
Wie man Menschen stärkt, statt sie zu verlieren
Wie ernst er Verantwortung nimmt, zeigt eine Geschichte, die er mit einer Mischung aus Ruhe und Wärme erzählt. „Meine Leute sind Gold wert“, sagt Hensen. Ein Beispiel dafür erzählt er so: „Ein Mitarbeiter, der in meinem Handwerksunternehmen als Zimmerer und Bautechniker tätig war, hatte einen Bandscheibenvorfall. Aufs Dach konnte er nicht mehr, bleiben wollte er aber unbedingt.“ Also ließ Hensen ihn zum Energieberater ausbilden. Eine neue Rolle und ein Beispiel dafür, wie Hensen Verantwortung versteht: pragmatisch, menschlich, langfristig. Von Verantwortung im Team kommen wir zu Verantwortung für die Region.
Neue Baukultur
Eigenleistung, Begleitung und ein anderes Verständnis von Bauen
Wie reagieren Sie auf steigende Baukosten und veränderte Bedürfnisse?
„Die Baukosten sind explodiert und viele Menschen wollen wieder selbst mit anpacken, aber ihnen fehlt die Expertise. Also habe ich ein Modell entwickelt: Wir begleiten, leiten an, stellen Fachwissen bereit und die Kundinnen und Kunden bringen Eigenleistung ein. Dafür habe ich eine eigene Firma aufgebaut, die genau das ermöglicht. Die JH Handwerker GmbH besteht aus erfahrenen Handwerkern, auch mit Meistertiteln, die ihre Erfahrung handwerklich, aber auch unterstützend für unsere Kundinnen und Kunden mit einbringen. Der Kunde hat so die Möglichkeit, da wo er kann, unter Anleitung selbst mit anzupacken. Auch Materialbestellungen kann er unter unserer Anleitung selbst vornehmen und hier schon im Einkauf, direkt ohne Aufschlag, Geld sparen. Wichtig ist uns hier, dass wir keine Konkurrenz zu unserem Handwerkernetzwerk bilden wollen, sondern lediglich Kunden, da wo es passt, nach Aufwand mit unserer Expertise mehr Eigenleistung zu ermöglichen, um das Bauen wieder bezahlbarer zu machen. Unsere Handwerker sind für dieses Jahr schon ausgebucht, was zeigt, dass diese Idee grundsätzlich gut ankommt. Was leider fehlt, sind Handwerker. Darum haben wir uns entschieden, auch im Handwerk auszubilden. Mal schauen, was sich hier noch entwickelt.“
Alte Höfe, neue Ideen
Ein Telefonat, drei Gebäude und eine Haltung
Das Büro, in dem wir sitzen, ist selbst ein Beispiel für Hensens Haltung. Als er während der Bauarbeiten an der Nordumgehung in Nordhorn an den alten Hofstellen vorbeikam, griff er zum Telefon. „Ich habe bei der Stadt angerufen und gefragt, ob man die Gebäude nicht erhalten kann“, sagt er. „Ich finde es schade, wenn sowas Historisches einfach verschwindet. Es gehört für mich zum Stadtbild von Nordhorn. Auch Nordhorn hat vom Ursprung eine landwirtschaftlich geprägte Geschichte, die durch alte Hofstellen noch sichtbar ist und auch sichtbar bleiben soll“, findet Hensen.
Die Stadt war offen und Hensen begann zu planen. Die alte Scheune des Hofs Leferink, die kurz vor dem Abriss stand, hat er gekauft und zu Wohnungen umgebaut. „Das Tragwerk war schön. Das wollte ich zeigen“, erzählt er. „Ich mag es, wenn man das Alte noch erkennt.“ Außen blieb die historische Hülle, innen entstand ein neues Zuhause. Ein Ensemble, das zeigt, wie er denkt: umnutzen statt wegwerfen. Direkt daneben steht der Hof Boermann, den Hensen ebenfalls erhalten konnte. Heute ist dort eine Kindertagesstätte untergebracht.
Ein weiteres Gebäude auf dem Areal gestaltet er gerade zu seinem neuen Büro. Ursprünglich wollte er dort weitere Wohnungen einbauen – ganz klassisch. Doch dann kam es anders. „Ich stand da oben auf dem Heuboden und dachte: Das wird mein neues Büro.“
Besonders stolz ist Hensen aktuell auf ein Kundenprojekt: eine Pflegeeinrichtung, die auch von unserem Bereich Freie Berufe und Institutionen betreut wird. Sie soll wie ein kleines Dorf funktionieren. Eine alte Hofstelle bleibt als Identitätsanker erhalten, drumherum entstehen Wohnungen, Wege, Begegnungsräume. Es geht um Würde, Gemeinschaft und ein Zuhause im Alter. Und es ist eines von vielen Projekten, bei denen Hensen alte Strukturen bewahrt und neue Lebensräume schafft.
Partnerschaft und Vertrauen
Warum das FBI für ihn mehr ist als ein Finanzierer
Welche Rolle spielt die Grafschafter Volksbank auf Ihrem Weg?
„Eine große. Das FBI hat mich von Anfang an begleitet. Ich war nie der Typ für große Investitionen. Aber gemeinsam mit dem FBI habe ich gelernt, größer zu denken. Ohne diese Begleitung wäre vieles nicht möglich gewesen. Jedes meiner Projekte habe ich gemeinsam mit der Grafschafter Volksbank umgesetzt.”
Zukunft des Bauens
Minihäuser, Bestand und der Mut zum Erhalt
Wie sieht für Sie die Zukunft des Bauens aus?
„Bauen ist teuer geworden, Grundstücke sind knapp, Familienstrukturen verändern sich. Deshalb entwickle ich zum Beispiel Minihäuser: 55 Quadratmeter, eigener Garten, eigene Haustür. Bezahlbar, aber mit Hausgefühl. Das ist Zukunft.
Ich glaube aber auch, dass der Bestand eine zentrale Rolle spielen wird. Die Babyboomerjahre kommen. Viele Häuser werden verkauft. Da liegt Potenzial. Abriss darf nicht der Standard sein. Viele Gebäude haben eine gute Substanz. Da steckt Graue Energie** drin. Ich könnte mir vorstellen, dass Abriss in Zukunft genehmigungspflichtig wird. Und das fände ich richtig. Oft ist das Sanieren auch finanzierbarer, weil es hier über die KFW oder andere Förderungen wie ‚Dorfentwicklung‘ Möglichkeiten bietet, die bei einem Neubau im Moment nicht greifen. Wenn es dann historische, landschaftsprägende Gebäude sind, kommt meine Leidenschaft dazu und am Ende entstehen oft sehr schöne Gebäude.“
Nachwuchs und Verantwortung
Warum Handwerk Zukunft hat
Für die Zukunft braucht es Menschen, die anpacken. Was würden Sie jungen Leuten sagen, die überlegen, eine handwerkliche Ausbildung zu machen?
„Machen! Eine handwerkliche Ausbildung ist ein grundsolides Fundament. Für den Beruf und fürs Leben. Handwerk hat goldenen Boden, und das wird auch so bleiben. Ich habe selbst eine Tischlerausbildung gemacht. Das war eine Ausbildung, die mich geprägt hat. Man lernt, mit vielen verschiedenen Materialien umzugehen: Holz, Glas, Metall, Kunststoff … Vor allem lernt man aber, wie Dinge entstehen. Wer ein komplexes Möbelstück entwerfen kann, kann auch draußen auf der Baustelle denken und gestalten. Das ist eine gute Grundlage, die heute fast ein bisschen verloren gegangen ist.
Gleichzeitig merke ich, dass handwerkliche Ausbildungen wieder ankommen. Zimmermann ist plötzlich wieder ‚sexy‘, habe ich neulich gehört. Und auch wenn viel automatisiert wird und KI viele Jobs verändern wird – das Handwerk bleibt. Es wird sich weiterentwickeln, aber es wird gebraucht. Und es bietet Perspektiven.
Mir ist wichtig, dass junge Menschen sehen: Eine Ausbildung ist nicht das Ende, sondern der Anfang. Wir suchen gerade zum Beispiel einen Maurerazubi. Bei uns kann jemand Schritt für Schritt wachsen, Verantwortung übernehmen und – wenn er oder sie das möchte – irgendwann auch in die Bauleitung hineinwachsen. Wir bilden aus, um Menschen zu entwickeln, nicht um sie nach der Ausbildung zu verabschieden. Entscheidend ist: Wer im Handwerk anfängt, hat viele Wege vor sich.
Unsere letzte Auszubildende wird im Oktober mit einem Architekturstudium beginnen. Sie hat ihre Prüfung mit der Note ‚eins‘ bestanden, worauf wir natürlich sehr stolz sind. In den Semesterferien wird sie als ausgebildete Bauzeichnerin bei uns weiterarbeiten und so unter anderem ihr Studium finanzieren. Und wer weiß, vielleicht fängt sie nach ihrem Studium als Architektin wieder hier an.“
Region und Verantwortung
Was er sich für die Grafschaft wünscht
Was wünschen Sie sich für die Grafschaft?
„Mehr Mut zum Erhalt. Mehr Nachwuchs im Handwerk. Und Wohnformen, die bezahlbar bleiben, aber dennoch schön anzusehen sind. Das prägt unsere Region und da stehen wir alle in einer Verantwortung.“
Wo alles zusammenkommt
Und das Parkett im zukünftigen Konferenzraum?
„Das mache ich selbst samstags“, gesteht Hensen. „Das kann ich. Und es erinnert mich daran, wo ich herkomme.“
* Das ist gesunder Menschenverstand.
** die gesamte Primärenergie, die für Herstellung, Transport, Bau, Instandhaltung und Entsorgung von Baustoffen und Gebäuden verbraucht wird